Rückblick: NightlyBuild 2016

Diesen Monat fand zum dritten Mal die NightlyBuild in Köln statt. Auf der kleinen aber feinen Abendkonferenz gab es bis kurz vor Mitternacht philosophische bis technische Talks über das Web neben ausgiebigen und entspannten Pausen mit einer Auswahl an Freigetränken und Craft-Bieren. Für die musikalische Unterhaltung zwischen den Talks sorgte wieder Tobi Lessnow (Baldower auf SoundCloud) mit Remixen der NightlyBuild-Speaker und des äußerst unterhaltsamen Moderators Bruce Lawson von Opera Software.

Privacy and the web – are you doing what it takes?

(Slides) Amelia Andersdotter, Mitglied der schwedischen Piratpartiet und bis 2014 Mitglied im EU-Parlament, gab eine kurze Übersicht über das Thema Datenschutz und Anders Jensen-Urstad ging dabei kurz auf technische Möglichkeiten ein, die Privatsphäre von Besuchern besser zu schützen.

Neben den Entwicklungen in den kulturellen und rechtlichen Definitionen von Datenschutz in der EU in den letzten Jahrzehnten sei ein großes Problem, dass frühe Technologiestandards und Protokolle in ihrer Entwicklung oft Datenschutz nicht berücksichtigt haben. Dadurch erfordere es häufig die explizite Nutzung von Erweiterung wie Content-Security-Policies, um die Privatsphäre von Nutzern umfänglich zu wahren.

Der Privacy-Checker Webbkoll wurde dazu entwickelt, den technischen Datenschutz von Kommunen und von Steurzahlern finanzierten Webseiten zu prüfen, für welche ein starker Datenschutz garantiert werden könnte und sollte, da diese i.d.R. keine kommerziellen Bedürfnisse erfüllen müssen, für welche die üblichen Einschränkungen notwendig wären.

Letzlich gaben die beiden Speaker jedoch zu bedenken, dass ein starker Datenschutz immer auch eine starke Datensicherheit voraussetze, und diese deutlich aufwändiger zu prüfen sei.

Making things simple is …complex.

Komplexität liege eigentlich allem inne, so Oliver Schwarz. Häufig sei uns die Komplexität von Prozessen oder Technologien lediglich nicht bewusst, da uns unsere Expertise erlaube, diese zu ignorieren. Das führe jedoch bei der Umsetzung von neuen Projekten schnell zu Fehleinschätzungen durch zu einfache Modelle, die dann im Laufe der Entwicklung nachträglich erweitert und verkompliziert werden müssen.

Alle Anwendungen fängen demnach komplex an, da sie komplexe Probleme lösen. Es sei also wichtig, nicht bei dem ersten Lösungsansatz zu bleiben und die ausufernde Komplexität durch nachträgliche Ergänzungen einfach hinzunehmen. Man solle Lösungen stetig itererieren, überarbeiten und refactorn, um sie schrittweise zu vereinfachen. Dabei sei vor allem die Kommunikation mit allen Teilhabern wichtig: ein Meeting alleine sei jedoch noch keine Kommunikation.

Forget about apps, could the future be in the mobile browser?

(SlidesStéphanie Walter aus Straßburg präsentierte im Schnelldurchlauf einige Features, welche bisher vor allem aus nativen Mobilanwendungen bekannt sind, aber zunehmend auch im Web genutzt werden können. Als Fallbeispiel diente dabei eine fiktive Konferenz-App für die NightlyBuild 2016, welche der Google I/O App nachempfunden war.

Beinahe schon ein alter Hut, aber leider noch immer nicht in allen Browsern (sprich: IE) unterstützt ist dabei WebRTC, welches Peer-to-Peer Videokonferenzen und Echtzeitkommunikation ermöglicht. Allerdings sei es auf fast allen Mobilgeräten möglich, Bilder, Video- und Audiomitschnitte mit der Kamera in Form eines Datei-Formularfeldes zu machen.

Die Funktion Add to Home Screen sei ebenfalls weit verbreitet, diese kann man mit W3C Web App Manifests noch umfangreicher nutzen. Auch ohne Manifest kann man mit Metadaten Details wie die Farbe der Browser-Leiste steuern. Für die App- und Bookmark-Icons bietet sich dabei RealFaviconGenerator an, um alle Varianten abzudecken.

Notifications seien zwar vielschichtig und hilfreich, werden aber häufig zu aufdringlich genutzt und als Hintergrundprozesse mit Service Workern noch nicht gut unterstützt. Es empfiehlt sich, einen Benutzer erst nach solchen Berechtigungen zu Fragen, wenn dieser wiederholtes Interesse für die App gezeigt hat.

Einen kurzen Blick in die Zukunft warf Stéphanie mit der Lichtsensor- und Batterie-API, wodurch Web-Anwendungen sich besser der Umgebung des Benutzers anpassen können. Am Beispiel der Geolocation-API zeigte sie jedoch auch, dass es möglich sei, Apps so zu entwickeln, dass diese Features progressiv, also als Ergänzung, in Apps eingesetzt werden können und in Abwesenheit der Features oder fehlender Berechtigungen auf „altmodische“ Alternativen zurückgegriffen werden sollte. Hier lohne sich ein Blick auf Googles Konzept der Progressive Web Apps.

Der wahrscheinlich aufsehenerregendste Teil war jedoch die Vorstellung des Physical Web mit Hilfe der noch sehr experimentellen Bluetooth-API (Demo). Dadurch solle es Webanwendungen möglich werden, nicht nur direkt mit Bluetooth-Geräten zu kommunizieren, sondern durch physische Nähe zu Bluetooth-Beacons aktiviert zu werden (z.B. um NightlyBuild-Gästen zu ermöglichen, Feedback zur Konferenz direkt vor Ort in der „echten Welt“ mit dem Handy abzugeben).

Zootiere in Hoodies glücklich um ein Lagerfeuer versammelt.
Open Source im Sinne von Charlotte und Hoodie: am Ende des Tages gehe es um das Miteinander.

Open Open Source

(Slides) Charlotte Spencer (Pronomina: they/their) ermahnte Maintainer von Open-Source-Projekten und NightlyBuild-Besucher dazu, die Nöte und Ängste von unterrepräsentierten Gruppen ernst zu nehmen und die Menschen in den Vordergrund zu stellen, nicht die Technologien. Zu guter letzt gab es dabei noch einen praktischen Tipp an die Allgemeinheit: Open Source kann anstrengend sein, darum sei es wichtig, sich ab und zu eine Auszeit zu gönnen; wenn du wiederkommst, ist Open Source immer noch da.

The Back(side) of the Class

Stephen Hay warf einen kritischen Blick auf CSS-Methodologien und die seiner Meinung nach ausgeuferte Tooling-Situation. Methodologien wie BEM, SMACSS, OOCSS und Atomic CSS seien vor allem Regeln zur Benennung von Klassen. Das reiche jedoch nicht, um die Probleme zu lösen, für die diese oft als Lösung beworben würden: Performance, Refactoring und die Kupplung zwischen CSS und HTML.

Es sei hingegen viel wichtiger, CSS und Design-Absichten zu dokumentieren und ernst zu nehmen. Ein Negativbeispiel hierfür sei die verbreitete Bezeichnung von Designern als „Themer“, welche die Ausarbeitung unterschiedlicher Designs auf einfaches „Umfärben“ reduziert.

Für einfache Seiten solle man nicht davor scheuen, einfach mal mit „rohem“ CSS und einfachen Selektoren anzufangen. Komplexes Tooling sei zwar manchmal unvermeidbar, aber häufig eigentlich nicht notwendig. Man solle auch vorsichtig sein, CSS als reine Programmiersprache zu behandeln. Paradigmen und Konzepte aus der Informatik seien nicht immer zielführend, wenn es darum gehe, Designs in CSS umzusetzen.

Fazit

Alan

Die NightlyBuild ist als wohl bekannteste „hand-crafted after work conference“ sicherlich einen Besuch wert. Ganz dem After-Work-Image getreu bestand das Publikum vor allem aus Web-Professionals aus der Region und einigen Durchreisenden auf dem Weg von Kundenterminen in Köln oder zum WordCamp in Frankfurt. Das fünfköpfige Orga-Team hat auch dieses Jahr wieder ein Event auf die Beine gestellt, welche sich irgendwie nach Feierabend anfühlt und dennoch interessante Themen anschneidet.

Mein persönliches Highlight war allerdings die Moderation durch den unvergleichen „Master of Ceremonies“ Bruce Lawson, der vor den Talks mit freundschaftlichen Sticheleien, ausgesprochen schlechten Wortwitzen und trockenem, britischen Humor für Stimmung sorgte und im Anschluss die Speaker auf das Bühnen-Sofa zur ausgiebigen Fragerunde ludt.

Leider scheiterte die Konferenz allerdings trotz durchgängig englischssprachiger Kommunikation scheinbar daran, ein internationales Publikum anzusprechen: mit Ausnahme der Speaker sprach man vor allem Deutsch. Auch wenn der gewohnte Konferenz-Austausch mit internationalen Kollegen dadurch ausblieb, freue ich mich auf den nächsten Besuch dieser kleinen aber feinen Konferenz in Köln.